Gruppe Morgenthau & sinistra!

Der ansonsten sterbenslangweilige Frankfurter Bahamas-Freundeskreis „Gruppe Morgenthau“ stellte kürzlich anlässlich einer Nazi-Kundgebung auf dem Frankfurter Römerberg und der antifaschistischen Gegenmobilisierung Bemerkenswertes fest: bei den „Konkurrenzkämpfen zwischen Links und Rechts“ handele es sich um „entpolitisierte Emotionsriten“, Nazis in Deutschland seien lediglich „politisch marginalisierte Trottel“, eine „überschauare Gruppe abgehalfterter Vereinsnazis“ und, überhaupt, eine nicht weiter ernstzunehmende „Lächerlichkeit“, um die sich die deutsche Polizei bereits ausreichend und vorbildlich kümmere, antifaschistische Militanz wird von der „Gruppe Morgenthau“ dabei selbstverständlich schärfstens verurteilt, mag man doch „erkennbare Nazis nicht schutzlos sehen“, da durch eigenmächtiges antifaschistisches Engagement gar gruseliges drohe: nichts weniger als „Bandenherrschaft“ und die „direkte Demokratie des Mobs“. Das „wirkliche Problem“ in Deutschland liegt für Roland Koch (der davon jedoch noch „zu wenig spricht“), die Republikaner und „Gruppe Morgenthau“ jedoch ohnehin längst andernorts: dort, wo „perrenierende Gewalt und Verrohung der Sprache des Verhaltens und der Ästhetik“ zu beobachten sei, dort, „wo islamisch sozialisierte Jungmänner unter sich bleiben“ und niemand (außer der NPD) den Bau von Moscheen verhindern wolle.

Diese sich in einem dem Dunstkreis der Zeitschrift „Bahamas“ zuzurechnenden ex-antideutschen Milieu vollziehende diskursive Verschiebung, die durch eine Verlagerung des Fokus der Kritik von Deutschland und den Deutschen zum (islamischen) Ausland und den (islamischen) Ausländer_innen, also den praktisch vollzogenen Abschied von anti-deutscher Politik gekennzeichnet ist, ist auch Gegenstand des in der Phase2 erschienenen Textes „Der Hauptfeind ist Deutschland“ der Gruppe sinistra!.

Auf ebendiesen Text der sich „insbesondere auf die Zeitschrift Bahamas eingeschossen habenden Bockenheimer Leichtmatrosen“ reagierte die sich offenbar zu recht angesprochen fühlende „Gruppe Morgenthau“ nun in „Neues aus der Problemzone“ mit einem weitgehenden argumentfreien polemischem Rundumschlag: Getreu dem antifeministischen Berliner Vorbild wird erst einmal gegen die von „den Diskurssensibelchen von sinistra!“ in einem früheren Text empfohlene Rezeption dekonstruktivistischer Theorie gewettert und die dieser Richtung zugerechnete Frankfurter Zeitschrift „diskus“ als „Gender-Bravo“ mit „enthüllungsjournalistisch aufgearbeiteten Problemchen rund ums Ficken“ gedisst, die sich lieber um die unsere Frauen belästigenden Kanaken kümmern sollte oder wie es bei „Morgenthau“ etwas umständlicher heißt: um den „geschlechtssymbolisch vermittelten Hass auf Frauen und alles als unmännlich Beargwöhnte sowie eine daraus erwachsende Praxis“.

Ein Rätsel, das sich im ganzen Text nicht auflösen lässt, ist – nebenbei bemerkt – die Frage, wie die „Gruppe Morgenthau“ überhaupt zu ihrem Namen kommt, war doch der Morgenthauplan explizit und unmissverständlich gegen Deutschland gerichtet, während die unter falscher Flagge segelnde gleichnamige Gruppe mit Deutschland offenbar längst ihren Frieden gemacht hat: „Ja fast möchte man meinen, sinistra! fürchte nichts mehr als den Gedanken, die Deutschen könnten tatsächlich irgendwann einmal ihrer Niedertracht entraten, sich wider Erwarten zum Besseren entwickeln. Man kann sich beim Lesen des Textes folglich kaum des Eindrucks erwehren, als träfe zu, was Antideutschen oftmals fälschlich unterstellt wird, nämlich dass sie bloß negative Deutschtümelei betrieben … Warum in die Ferne schweifen, wenn das Böse liegt so nah? So klingt antideutsche Großmannssucht bei sinistra!.“ Und weiter: „Keine Frage: vor nicht allzu langer Zeit war die Mahnung, man solle nicht jede weltgeschichtliche Grausamkeit als Holocaust und nicht jedes zweite Regime als faschistisch etikettieren ein triftiger, über das relativierungssüchtige Bedürfnis, das in aller Regel als Movens hinter solchen Verlautbarungen stand, aufgeklärter Einwand. Einstweilen jedoch ist die Warnung vor einer solch interessierten Inflationierung ihrerseits zur ubiquitären und nicht weniger interessierten Floskel geworden, die tatsächliche Bedrohungen unter der Toga moralischer Entrüstung verhüllt.“

Auch wenn dies nicht wirklich neu ist, überrascht doch die Offenheit mit der hier vorgeblich „Antideutsche“ ihre Versöhnung mit Deutschland zelebrieren. Ansonsten bedient sich das Morgenthau-Pamphlet wie gehabt weitgehend aus dem bewährten Bahamas-Satzbaukasten, etwa wenn zum tausendsten Mal im Stile von Kiplings „White Man’s Burden“ die Verteidigung der bürgerlichen „Zivilisation“ gegen die allgegenwärtige „Barbarei“ beschworen wird: „Denn in Zeiten globalisierter Regression ist Politik als Versuch Schlimmerem Einhalt zu gebieten, gerade die Konsequenz einer auf ihre Bedingungen reflektierenden, an der Freiheit der Individuen orientierten Gesellschaftskritik … bla, bla … befördert die Gruppe [sinistra!, pc] dorthin zurück, wo sie angefangen hat: in des Volkes Schoß. Denn dort ist das ozeanische Unbehagen an der Zivilisation zu Hause. … bla, bla … Um es nochmals zu betonen: die Bedingung der Möglichkeit jener bestimmten Negation erfordert die Verteidigung des im Bestehenden immerhin als Verheißung präsenten zivilisatorischen Überschusses gegen die Rückkunft des vorzivilisatorischen Schreckens in der kurrenten Gestalt ihrer ummasozialistischen Protagonisten sowie ihrer deutsch-europäischen Verwandten im Ungeiste.“

Gewissermaßen als Sahnehäubchen wird der Leserin dann im burschenschaftlichen Jargon noch folgende denkwürdige Sentenz präsentiert: „Die Wahlverwandschaft von Konservatismus und Revolution wird den sinistren Dialektikern also bis auf weiteres verschlossen bleiben; und man wird sich deshalb auch nicht zur Intervention im realpolitischen Handgemenge gedrängt fühlen, sondern an Stelle von Kritik selbstverliebtem Theoriegepauke frönen.“ Die „Verteidigung der Zivilisation“ ist also offenbar im Geiste einer zur Front drängenden Konservativen Revolution zu vestehen, gegen „Klimageschwätz“, eingebildete „antirassistische Tabus“, mit „klaren Worten für militärische Interventionen“, gegen „Maulhelden“ und von „notwendigen Kriegen“ schwärmend.

Das Schlusswort bringt den paranoiden Wahn dieser Leute dann noch einmal schön auf den Punkt: „Im Grunde ist mit dieser Paraphrase Liebknechts alles gesagt: dass das anti-deutsche Bemühen nie etwas anderes war als ordinärer Antiimperialismus, der, aufgrund anderer politischer Umstände, eine Zeit lang eher zufällig auf das richtige Objekt zielte und sich nunmehr ‚gegen den Imperialismus, gegen den Krieg, für den Frieden im (umma)sozialistischen Geist“ engagiert. Alles andere, das Gerede von fundamentaler Gesellschaftskritik und integralem Kommunismus, ist nur eines: radikale Schminke!“

(Alle kursiven Passagen zitiert aus dem Morgenthau Blog.)


6 Antworten auf “Gruppe Morgenthau & sinistra!”


  1. 1 spam 12. April 2008 um 9:34 Uhr

    und ich dachte die sinistra hätte mit ihrem text jeden antideutschen anspruch hinter sich gelassen und sei zum antinationalismus hinübergewechselt, und der morgenthau-text würde eben jenes kritisieren. aber anscheinend war es genau umgekehrt: die gruppe-morgenthau ist nicht mehr antideutsch und der sinistra-text ist die kritik daran. liegts an der oberflächlichen betrachtung oder dreht sich wirklich alles im kreis?

  2. 2 nelson 14. April 2008 um 12:12 Uhr

    HA, HA!

  3. 3 jonas 14. April 2008 um 14:53 Uhr

    Den Vorwurf eines „weitgehenden argumentfreien polemischem Rundumschlags“, den Du der gruppe Morgenthau machst, hätte ich gerne nachvollzogen. Geht aber leider nicht, weil deine Aussage Teil eines „weitgehend argumentfreien polemischen Rundumschlags“ ist. Schade. Dabei finden sich doch in dem von Dir verrissenen Text durchaus diskutierenswerte Argumente, die auch entsprechend ausgeführt wurden. Dein Beitrag hingegen ist tatsächlich weitestgehend sinnfrei und damit jenseits des Diskurses, auf den Du Dich beziehst.

  4. 4 problemchild 14. April 2008 um 16:54 Uhr

    Finde ich auch schade. Habe aber leider die „diskutierenswerten Argumente“ nirgendwo finden können. Vielleicht hilft mir aber noch jemand auf die Sprünge?

  5. 5 Falak K. 15. April 2008 um 20:18 Uhr

    Nun, diskutierenswerte Argumente finden sich zuhauf, lässt man sich von der Polemik nicht gleich verschrecken.
    Es wird u.a. auf die unterlassene Rezeption eines kritischen Islam-Begriffes hingewiesen;
    auf eliminatorischen Antisemitismus als Wahlverwandschaft zwischen dt. NS und radikalem Islam (und Gemeinsamkeit bedeutet NICHT Gleichsetzung),
    auf den Bedeutungswandel der wichtigen Forderung, mit keinem Vergleich die Einzigartigkeit der Shoa zu relativieren, damit aber in die Gefahr zu geraten, neue reelle Bedrohungen zu unterschätzen.
    Kritisches zu Aussagen über den Industrialisierungsgrad des Iran,
    zur Umsetzbarkeit / Machbarkeit politischer Strategien.
    Kritisiert wird die Forderung der sinistra, einen mgl. Krieg gg. Iran allein Israel zu überlassen uvm.
    Der Vollständigkeit halber zu den meisten der genannten Stichpunkte folgend auch die Zitate aus dem Morgenthau-Text.
    Und nebenbeibemerkt halte ich eine Diskussion über die Möglichkeiten emanzipativer Theorie und Praxis für sinnvoller als darüber, wer sich nun antideutsch nennen darf und wer nicht..

    „Nicht von ungefähr wird daher auch kaum noch der Versuch unternommen, den
    kritischen Begriff, den man sich in antideutschen Kreisen von islamischen Gemeinschaften und der
    dazugehörigen Ideologie immerhin zu machen versucht, als der Sache womöglich unangemessen zu
    revidieren oder gar zu entkräften.“

    „…Hinweis auf den relativ geringen Industrialisierungsgrad islamisch geprägter Weltregionen. Der jedoch geht aus mindestens zwei
    Gründen an der Sache vorbei. Erstens, weil es gerade die historische Verspätung bzw. Rückständigkeit
    war, welche die Deutschen für ihren Antikapitalismus zu nutzen wussten, … zweitens, weil das Argument
    mangelnder Industrialisierung sich durch die Fortschritte des iranischen Atomprogramms selbst
    überholt hat.“

    „Keine Frage: vor nicht allzu langer Zeit war die Mahnung, man solle nicht jede weltgeschichtliche
    Grausamkeit als Holocaust und nicht jedes zweite Regime als faschistisch etikettieren ein
    triftiger, über das relativierungssüchtige Bedürfnis, das in aller Regel als Movens hinter solchen
    Verlautbarungen stand, aufgeklärter Einwand. Einstweilen jedoch ist die Warnung vor einer solch
    interessierten Inflationierung selbst zur ubiquitären und nicht weniger interessierten Floskel geworden,
    die tatsächliche Bedrohungen unter der Toga moralischer Entrüstung verhüllt. Entsprechend
    versteht man sich hierzulande mittlerweile bestens darauf, sich des schlechten Gewissens nicht mehr
    alleine durch Verdrängung und Projektion, sondern – getreu dem Motto: Erinnerung macht frei –
    gerade durchs Bekenntnis zur eigenen Geschichte zu entledigen und, ganz nebenbei, Unmoral in
    moralische Überlegenheit umzumünzen.“

    „Als ob die Parteinahme für die USA und für Israel auf Politikberatung und nicht darauf
    zielte, den antiamerikanischen und antizionistischen Konsens deutscher Friedensfreunde wo es nur geht zu stören und die Kollaboration mit Regimes wie dem Iran auf allen Ebenen zu delegitimieren.
    Man darf darauf gespannt sein, wie sinistra! solch in der Tat unselige Geschäftemacherei, wie sie
    insbesondere deutsche Firmen aber auch erst kürzlich die österreichische OMV betrieben und
    weiterhin betreiben, zu sabotieren gedenkt, ohne dabei in geostrategische Verlegenheiten zu geraten.“

    „En passant wird hier – aus welchen Gründen auch immer – eine dauerhafte
    militärische Überlegenheit Israels unterstellt, die es so natürlich nicht gibt, weil diese Überlegenheit
    eine Frage politischer Kämpfe ist und nicht auf unbezwingbaren Mächten basiert.“
    „Was nützt Israel die Option einer militärischen Antwort, wenn die erste Atombombe
    über Tel Aviv gezündet wurde? Das Dilemma Israels besteht ja gerade darin, dass es seine
    Nuklearwaffen nur zu früh oder zu spät einsetzen kann. Das an sich schon irrsinnige Prinzip gegenseitiger
    Abschreckung, das Kalkül der „mutually assured destruction“, funktioniert schließlich nur
    auf der Basis wenn auch beschränkter Rationalität, nämlich unter der Voraussetzung, dass auch der
    Gegner weiterleben will.“

  6. 6 egal 16. April 2008 um 22:43 Uhr

    es geht doch wohl eher um das (nicht)vorhandensein einer bürgerlichen gesellschaft als um industralisierung. und: wem will morgenthau denn die kriegführung überlassen? gehen die selbst als soldaten in den iran? und die lange zitiererrei hättest du dir auch sparen können.

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.